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Der "Oluf" - vom Wohnviertel der kleinen Leute, über berühmte Rotlichtmeile zur historischen Vorzeigegasse

Über keine Straße in Flensburg – vielleicht in Schleswig-Holstein - gibt es so viele Mythen und Legenden wie über den Oluf-Samson-Gang, im Volksmund auch einfach „Oluf“ genannt. Geschichten von Matrosen, Huren und Zuhältern, die diese kleine Gasse fast 100 Jahre lang fest im Griff hatten.

Namensgeber der Straße ist der Kaufmann und Reeder Oluf Samson, der 1582 Bürger der Stadt Flensburg wurde. Es war eine Zeit, als Flensburg sich unter dänischer Krone zu einer der bedeutendsten Hafenstädte entwickelt hatte und viele Kaufleute von auswärts zuzogen, um an den Geschäften teilzuhaben. Ein schmaler Gang ermöglichte es den Leuten, sich von der Norderstraße, unterhalb der Duburg, hinunter zur Schiffbrücke zu bewegen. In der Norderstraße – wie auch in der Großen Straße und am Holm - bauten die Kaufleute die heute so sehenswerten Handelshöfe, mit Wohnbereichen an der Straße und abschließenden Speichern Richtung Hafen. Oluf Samson, dessen Name auf die Insel Samsø im Kattegat herleitet, heiratete die Tochter des Amtschreibers der Stadt, dessen Amtssitz die Duburg war. Dadurch kam er in den Besitz von dessen Immobilien, Häuser mit Grundstücken in der Norderstraße, die sich links und rechts von dem schmalen Gang hinunter zum Hafen befanden. Samson baute an dem Gang mehrere kleine Häuser, die er an Matrosen vermietete und kam so schnell zu Wohlstand. 1617 wurde der Name der Gasse „Oluf-Samson-Gang“ erstmals erwähnt. Zum Zeitpunkt des Todes Oluf Samsons (1618 oder 1622) war er völlig verarmt und hatte alle Immobilien nach und nach verkaufen müssen. Er hinterließ sieben Kinder, deren Namen in keinem Grundstücksregister mehr auftauchten.

Ab 1626 ist es mit der Blütezeit Flensburgs erst einmal vorbei. Teile der Stadt, auch der Oluf-Samson-Gang, werden durch Schlachten des Dreißigjährigen Kriegs und anschließend durch die Nordischen Kriege zerstört. Erst im 18. Jahrhundert erfährt Flensburg eine neue Blüte, und die Häuser auf dem Oluf werden neu aufgebaut. Fast alle Gebäude, die heute erhalten sind, stammen aus dieser Zeit. Durch die zunehmende Industrialisierung im 19. Jahrhundert wandelt sich der soziale Status der Straße: Statt der einstigen Schiffer und Handwerker bewohnen nun vornehmlich Arbeiter die kleinen Häuser. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Wirtschaftskrise ab 1924 fällt der soziale Status weiter ab. Im Jahre 1918 ist der Einzug der ersten Prostituierten in eines der Häuser auf dem Oluf belegt. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte entwickelt sich der Oluf-Samson-Gang zu einer bundesweit berühmten Rotlichtmeile. Ihre besten Zeiten haben die rund 70 Damen des horizontalen Gewerbes in den 1970ern. Einige von ihnen werden bekannt und sind beliebtes Gesprächsthema hinter vorgehaltener Hand, beispielsweise Elisabeth „Oma“ Mogensen, eine Puffmutter, die, immer mit einer Zigarre im Mundwinkel, mit ihren beiden schwarzen Pudeln spazieren und jeden Sonntag zum Bingospielen geht. Sie kümmert sich um alles und sorgt für einen reibungslosen Verkehr. Für den 1944 in Flensburg geborenen und in der nahegelegenen Marienstraße aufgewachsenen Jan-Uwe Thoms und dessen Kumpel Bruno gehörten die Damen zu einem Teil ihrer Kindheit. „Da saßen Frauen in Fenstern ihrer Wohnung und strickten und häkelten… Die Wohnungen der Frauen im Oluf-Samson-Gang mussten richtig gut geheizt sein. Viele der Frauen trugen nur einen Büstenhalter, und die meisten hatten genauso riesige Brüste wie Tante Anni… Oft bekamen wir Bonbons oder ein paar Pfennige zugesteckt, wenn wir vom Spielen am Hafen durch den Oluf-Samson-Gang zurück nach Hause liefen…“ Mit Bruno ging Jan-Uwe für einige der Damen auch Lebensmittel einkaufen, „wenn sie gerade beschäftigt waren. Und irgendwie waren damals eigentlich alle immer irgendwie beschäftigt…“ (aus Jan-Uwe Thoms „Damals in Flensburg-Erinnerungen aus der Nachkriegszeit“).

Seit den 1980ern – die Häuser des Oluf standen mittlerweile unter Denkmalsschutz und rotteten vor sich hin – dauerte es noch bis 2015, bis die letzte Dame den Oluf verlassen hatte, und das von der Stadt vor Jahrzehnten geplante Sanierungskonzept umgesetzt war. Ein Gerücht besagt, dass Mitarbeiter vom Amt gute Kunden auf dem Oluf gewesen sein sollen. Heute sind alle Gebäude in privatem Besitz und mit Gefühl für die ursprüngliche Architektur restauriert.

Text und Fotos: Yvonne Boisen