Dienstag, 12. Dezember 2017    05:21


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Schäferin Anke Mückenheim:
Schäferei macht nicht reich, aber glücklich

Das Schäfchenzählen ist eine Leidenschaft von Anke Mückenheim. Und das hat seinen guten Grund, denn die 48-Jährige ist eine der wenigen hauptberuflichen Schäferinnen in Deutschland und ihr Arbeitsplatz ist die unberührte Natur der Schleiregion. Geradezu malerisch schaut es aus, wenn die Schafe auf der Wiese grasen, die Schäferin mit Stock, Hut und langem Mantel gemeinsam mit den Hütehunden über die Herde wacht. Was beim ersten Blick so romantisch wirkt, ist jedoch harte Arbeit, 365 Tage voller Einsatz und ein bescheidener Lohn. Doch Anke Mückenheim schwärmt: „Das ist mein Leben – mit Herz und Seele.“

Dazu muss man wissen, dass Anke Mückenheim auf dem Land groß geworden ist. „Da ist klar, dass ich schon als Kind wusste, dass nur ein landwirtschaftlich geprägter Beruf für mich in Frage kommt“, erzählt sie rückblickend. Eine Ausbildung zum Pferdewirt wollte der Vater nicht, und Hufschmied oder Landwirt kamen für sie nicht in Betracht. Aus dem Bekanntenkreis erfuhr Anke Mückenheim, dass ein Schäfer aus Kosel einen Lehrling suchte. “Das war genau mein Ding“, sagt sie heute kurz und knapp mit einem Lächeln. Nach der Lehre arbeitet sie dann für vier Jahre auf einem Demeter-Betrieb in Nordrheinwestfalen im Bereich Schäferei sowie Natur- und Landschaftspflege. Das Besondere waren hier die Rauhwolligen Pommerschen Landschafe, ein alte, robuste Haustierrasse, die damals vom Aussterben bedroht war. „Als der Betrieb seine Schafzucht einstellte, habe ich die Tiere übernommen, allein schon, um dessen Fortbestand zu sichern“, erklärt sie. Mit der erworbenen Schafherde ging es dann im Jahre 1991 zurück zum heimischen Elternhaus in Rieseby. Der Grundstein für die Selbständigkeit als Schäferin war damit gelegt.

Die Hausgemeinschaft in ihrem kleinen reetgedeckten Haus besteht aus Mutter Gerlinde sowie dem 21-jährigen Torge und ihren beiden Kindern Elisabeth und Hans-Paul. Dann ist da noch Hofhund Socke, der für Ruhe und Ordnung vor und im Haus sorgt. Sie berichtet, dass sie 15 Jahre lang mit ihrer Herde unterwegs war, wie es sich für eine echte Schäferin eben gehört. Aber mit Kindern ist das etwas schwierig, gibt sie zu bedenken. Deswegen geht sie heute mit ihren 250 Schafen nicht mehr auf große Tour. Kleine Strecken sind kein Problem. „Zudem ist das Ziehen auf asphaltierten Straßen für die Schafe gut, da sich die Klauen ablaufen, wir dadurch weniger Klauenpflege machen müssen und die Tiere Bewegung haben.“ Hauptsächlich betreibt sie mit ihren biologischen Rasenmähern ökologische Landschaftspflege auf georderten Wiesen und hält mit ihnen die Grasflächen kurz.

Unterstützt wird die Schäferin bei ihrer Arbeit von Thor und Zwiebel, zwei ausgebildeten Hütehunden. Als die beiden Verbeiner an einer Wiese nahe der Schlei aus dem Auto springen, wirken sie eher quirlig und verspielt. Doch der Schein trügt. Als Anke Mückenheim die ersten kurzen Kommandos ruft, wissen die beiden genau, was zu tun ist. Aufmerksam dirigieren sie auf Anweisung der Schäferin die Herde in das gewünschte Areal. In nur wenigen Sekunden stehen die Schafe aufgereiht um die Schäferin herum. Mit dem langen Stock zieht Anke Mückenheim eines der Schafe vorsichtig am Bein aus dem Pulk und demonstriert, wie ,Klauenpflege durchgeführt wird. Mit einem sanften Ruck landet das wollige Tier auf ihren Füßen: „Es darf nicht den Boden berühren, dann verfällt es in eine Duldungsstarre. Wenn man mit den Tieren gut umgeht und ihnen ein sicheres Gefühl gibt, ist das kein Problem.“ So werden die Tiere auch bei der Schur gehalten. Sicher und praktisch, denn die rechte Hand muss frei sein für die Schermaschine, die linke Hand hält die Haut straff. 100 Schafe am Tag schert die Schäferin auf diese Weise. Der Verkauf der Wolle ist eine Haupteinnahmequelle in der Haushaltskasse der Großfamilie. Die andere der Verkauf des Fleisches, wenn im März die Lämmer zur Welt kommen. „Die schönsten Lämmer behalte ich für die Zucht, der Rest wird an die Schlachtereien in der Region verkauft.“ Eine Produktion an Schafskäse gibt es nicht, denn die besondere Rasse von Anke Mückenheim sind keine Milchschafe. Zuverdienen müsse sie schon, erklärt sie: „Jeden Morgen klingelt um halb fünf der Wecker. Ab fünf Uhr helfe ich in einem Betrieb in der Nähe beim Melken der Kühe, damit wir über die Runden kommen.“ Ausgleich findet die Schäferin aus Leidenschaft an ihrem Spinnrad. Das ist Garnherstellung in Handarbeit - und stricken kann die zweifache Mutter auch. Außerdem bietet sie Projekte an Schulen an: Schäferei live erleben – vom Scheren bis zum Pulli. „Reich wird man mit der Schäferei nicht, aber meine Arbeit macht mich glücklich“, bringt sie es auf den Punkt.

Text: Andrea Weide, Foto: Jörg Weide