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Nachtrag/Aktualisierung

NOK-Befahrungsabgaben werden gestrichen

Initiative Kiel-Canal begrüßt entschlossenen Schritt der Politik

Kiel, 1. Juli 2020
Die Initiative Kiel-Canal hat sich in den vergangenen Monaten mit Unterstützung der fünf norddeutschen Bundesländer und des Zentralverband Deutscher Schiffsmakler beharrlich für die Aussetzung der Befahrungsabgaben für den Nord-Ostsee-Kanal eingesetzt und begrüßt die heute getroffene Entscheidung des Bundes, auf die Befahrungsabgaben bis zum 31.12.2020 zu verzichten.

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Jens B. Knudsen:

"Das Geburtstagskind bangt um seine Zukunft"

Kiel, 19. Juni 2020
Eigentlich hätte 2020 ein Jahr der Freude für den Nord-Ostsee-Kanal werden sollen: Die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt feiert ihr 125-jähriges Jubiläum, gleichzeitig investiert der Bund als Eigentümer bis Ende dieses Jahrzehnts rund zwei Milliarden Euro in eine umfassende Modernisierung. Doch die COVID-19-Krise hat auch den Kanal schwer getroffen. Helfen könnte eine zielgerichtete Konjunkturspritze des Bundes – übrigens mit echtem Gewinn auch für die Umwelt.

Knapp 29.000 Schiffe mit rund 83,5 Millionen Tonnen Ladung haben den gut 98 Kilometer langen Nord-Ostsee-Kanal 2019 passiert – im Vergleich zu den Vorjahren war dies ein relativ bescheidenes Ergebnis. "Schon im vergangenen Jahr hatte es der Kanal nicht leicht", weiß Jens B. Knudsen, geschäftsführender Gesellschafter der Kieler Schiffsmaklerei Sartori & Berger und Vorsitzender der Initiative Kiel-Canal e.V., "die sich abkühlende Konjunktur sowie Behinderungen durch Schleusenausfälle und Bauarbeiten waren bereits spürbar. Der wirkliche Absturz begann aber erst mit der COVID-19-Krise im März." Bereits im April fuhren rund 25% weniger Schiffe durch den Kanal als im gleichen Monat des Vorjahres, die transportierte Gütermenge fiel von 7,01 auf 5,01 Millionen Tonnen – ein Rückgang um fast ein Drittel. Im Mai und Juni dürfte der Rückgang noch dramatischer ausgefallen sein – bis zu 40% des Verkehrsaufkommens könnten verloren gehen.

"Es gibt mehrere Gründe für diesen drastischen Rückgang", sagt Jens B. Knudsen, "manche Reedereien wollen ihre Besatzungen vor Infektionen schützen und möchten nicht, dass Lotsen und Kanalsteurer an Bord kommen. Durch die Konjunkurkrise ist überdies das Ladungsaufkommen weltweit rückläufig. Vor allem aber ist Schiffstreibstoff durch den globalen Wirtschaftseinbruch billiger geworden: der Umweg über Skagen ist dadurch günstiger als die Kanalpassage." Die Folge: Am Nord-Ostsee-Kanal ist es sehr ruhig geworden. Das spüren die ansässigen Unternehmen und ihre Beschäftigten – auch Sartori & Berger hat bereits einen Teil der Belegschaft in Kurzarbeit schicken müssen. "Die maritimen Unternehmen am und um den Kanal möchten ihre Beschäftigten natürlich halten", betont Knudsen, "wenn aber der Verkehrsrückgang am Kanal mehr als nur eine temporäre Flaute wird, führt dies zwangsläufig zum Verlust von Arbeitsplätzen." Knudsen sieht jedoch noch eine weitere Gefahr: "Der Hafenstandort Hamburg lebt u.a. wesentlich vom Nord-Ostsee-Kanal als schneller Verbindung in die Ostsee. Wenn der Kanal dauerhaft an Bedeutung verliert, könnte das auch Hamburg empfindlich treffen. Denn dann würden einige Reedereien sich absehbar umorientieren: Weg von Hamburg in Richtung Rotterdam oder Antwerpen."

Was könnte dem Kanal in dieser verfahrenen Situation helfen? "Für eine Belebung des Verkehrs würde eine Reduktion jener Abgaben sorgen, die Reeder für ihre Kanalpassagen zu bezahlen haben", ist Knudsen überzeugt. Sein Vorschlag: Der Bund sollte die Befahrungsabgabe temporär aussetzen und die Lotsabgabe um 25% reduzieren – solange, bis die WHO den Pandemiestatus für COVID-19 aufhebt. "Andere Kanalverwaltungen haben entsprechende Maßnahmen bereits umgesetzt", weiß der Schifffahrtsexperte, "der Suez-Kanal etwa gewährt derzeit erhebliche Rabatte. Und bereits während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 hatte eine vergleichbare Maßnahme mehr Verkehr gebracht. Ein klares Signal in Richtung der internationalen Reederschaft würde Arbeitsplätze am Kanal und strategische Standortvorteile für Hamburg sichern und verhindern, dass sich die Schifffahrt vom Kanal abwendet." Profitieren würde nebenbei auch die Umwelt: Der kurze Seeweg durch den Nord-Ostsee-Kanal reduziert den Treibstoffverbrauch und damit die Emissionen eines Schiffs ganz erheblich. Knudsen hofft, dass das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur seinem Vorschlag folgt und 2020 für den Kanal doch noch ein glückliches Jubiläumsjahr wird: "Eigentlich macht man Geburtstagskindern ja ein Geschenk", meint Jens B. Knudsen, "und eine temporäre Reduktion der Kanalabgaben wäre genau das, was unser NOK jetzt am dringendsten bräuchte."