Mittwoch, 20. November 2019    07:26


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Das Angler Sattelschwein – eine gefährdete Schweinerasse

Das Schwein gilt als eines der ältesten Haustiere des Menschen. Über einen Zeitraum von etwa 10.000 Jahren haben Menschen die vielfältigen Eigenschaften der Hausschweine in zunehmendem Maße genutzt. „Heute sind mehr als 90 Prozent der deutschen Schlachtschweine Kreuzungsschweine aus überwiegend drei Schweinerassen: Deutsches Edelschwein, Deutsche Landrasse und Pietrain“, erzählt Heiner Iversen, Vorsitzender vom „Förderverein Angler Sattelschwein e. V.“. Grund dafür seien die Anforderungen, die der Markt stellt. Doch die Vielfalt sei  größer und die gelte es zu erhalten, so Iversen, der sich mit seinem Verein speziell um das Angler Sattelschwein kümmert. Anfang der neunziger Jahre wurden in Schleswig-Holstein zwar noch einige Angler Sattelschweine gehalten, die Zucht sei aber fast völlig zum Erliegen gekommen. Warum ist es überhaupt nötig alte Rassen zu erhalten? „Aus Verantwortung gegenüber der Natur und unserer Zukunft müssen wir eine weitere Verarmung der genetischen Vielfalt verhindern. Sie sind außerdem ein Stück Kulturgut - oft sind sie auf eine Region begrenzt und deshalb ein lebendiges Aushängeschild für einen Landesteil“,  erklärt der 66-Jährige. Außerdem hat das Angler Sattelschwein eine sehr gute Fleischqualität, eignet sich gut für naturnahe Haltungsformen wie Weidehaltung und ist in der Lage, viele und vor allem gesunde Ferkel aufzuziehen. Begonnen hatte die Geschichte des Angler Sattelschweins in den 1920er Jahren. Beim Sattelschwein hatte zunächst keine organisierte Zuchtarbeit stattgefunden. Durch Einkreuzungen wurde auf den Höfen probiert, die Zucht- und Mastleistungen zu verbessern. Die eigentliche Zuchtbasis war aber nur klein und ständig durch Inzucht bedroht. Es musste etwas getan werden. Durch eine Anzeige wurde schließlich der Süderbraruper Züchter Julius Carstensen 1925 auf die englische Rasse „Wessex-Saddlebacks“ aufmerksam, die im Ruf stand, besonders widerstandsfähig und fruchtbar zu sein. Auf einer Ausstellung in Reading bei London kaufte er 1926 die tragende Sau „Preston Dawn“ und den Eber „Preston Solar“. „Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, dass das der Grundstein für die organisierte Zucht des Angler Sattelschweins war“, sagt Heiner Iversen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Angler Sattelschwein die in Schleswig-Holstein am weitesten verbreitete Schweinrasse, und auch in den anderen Bundesländern erfreute sie sich großer Beliebtheit. Allerdings machte sich bereits in den 1950er Jahren eine Trendwende bemerkbar, die später dem Angler Sattelschwein  zum Verhängnis werden sollte: Die Nachfrage nach magerem Fleisch ohne Fettauflage stieg, und die Schlachthöfe wollten keine Schweine mit schwarzer Haut verarbeiten. Die hervorragende Qualität des gut durchwachsenen, marmorierten Fleisches dieser Rasse spielte in der damaligen Zeit noch keine Rolle. Ende der 1980er Jahre waren es nur noch wenige Bauern, die der Sattelschweinezucht treu geblieben waren. Einen Neubeginn starteten 1992 einige Betriebsleiter von Biobetrieben mit Unterstützung des Schweinezuchtverbandes und der Landesregierung. Es ergab sich die Möglichkeit, von der ehemaligen LPG Hirschfeld in Sachsen Sattelschweine zu erwerben, die dort als Genreserve gehalten wurden. 50 Sauen und vier Eber gelangten so nach Schleswig-Holstein. Anfang 1996 wurde in Angeln der „Förderverein Angler Sattelschwein“ gegründet. Durch diese Gründung, durch Ausstellungen und Veranstaltungen ist dem Angler Sattelschwein wieder erheblich mehr Aufmerksamkeit geschenkt worden. Ein großer Teil der Sattelschweine wird von Hobbyzüchtern und Biobetrieben gehalten, meistens nur mit einer kleinen Anzahl an Tieren. Im Jahr 2019 sind 102 Sauen und 29 Eber im Herdbuch eingetragen, die sich auf acht unterschiedliche Linien verteilen. „Das ist eine erfreuliche Zahl, die aber für eine gesicherte Zukunft nicht ausreicht. Die Rasse ist bei der GEH (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V.) immer noch als >gefährdet< eingestuft“, sagt Iversen. Das Angler Sattelschwein wurde in dieser Recherche exemplarisch vorgestellt – eine Gesamtübersicht der bedrohten Schweinerassen, wie unter anderem auch das Rotbunte Husumer Schwein, bietet die GEH in Form einer „Roten Liste“.

Text und Foto: Jörg Kasischke