Mittwoch, 12. August 2020    16:34


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Freie Trauerrede: Ehrfurcht vor jedem gelebten Leben

„Ich habe gelernt mich relativ schnell auf andere Menschen und deren Schicksale einzustellen. Es gilt genau zu- und hinzuhören“, sagt Irmela Mukurarinda, die als freie Trauerrednerin – abgekoppelt von einem theologischen Hintergrund - die Abschiedsworte während einer Trauerzeremonie spricht. Doch bevor es so weit ist, ist es wichtig, gemeinsam mit den Hinterbliebenen das Leben der verstorbenen Person Revue passieren zu lassen. Dazu braucht es Zeit und Einfühlungsvermögen. Die 70-jährige Pastorin, die diese Aufgabe langsam in andere Hände übergehen lassen möchte, blickt auf langjährige Erfahrung zurück: „Ein bestimmtes Quantum an Gesprächsführung ist dabei nötig sowie die Fähigkeit, stets auf den Punkt zurückzukommen, Pausen zuzulassen und einen abgerissenen Gesprächsfaden auszuhalten.“

Sinnvoll ist es, ein Treffen mit den Angehörigen nicht auf neutralem Boden stattfinden zu lassen: „Ich gehe in das Haus, in die vertraute Umgebung hinein, die mitunter noch von der vorangegangenen Krankheit geprägt ist.“

Das Sterben des Menschen – und seine Krankengeschichte - ist den Hinterbliebenen sehr präsent: „Bedeutsam ist es zu erfahren, wie der oder die Verstorbene das Leiden ertragen hat, wie er oder sie dem Sterben entgegengegangen ist und welche Dinge die Person im Leben ausgemacht haben.“ Ist eine schwierige Persönlichkeit verschieden, gehe es gleichwohl nie darum abzurechnen – genauso wenig, wie ihr einen „Heiligenschein“ aufzusetzen: „Ehrfurcht im Sinne von Wertschätzung und Achtung vor jedem Leben zu haben, bedeutet, es mit einem gewissen Abstand von außen anzuschauen.“

Eine Vorbereitung auf das Gespräch mit der Trauerrednerin ist normalerweise nicht nötig, wohl aber die Schaffung einer vertrauensvollen Atmosphäre: Denn die Hinterbliebenen erzählen einer völlig fremden Person eine intime Lebensgeschichte. Deshalb sei es für die Rede wichtig, ob es - und wenn ja, welche - Tabus gibt, an die besser nicht gerührt und die der Trauergemeinde nicht präsentiert werden sollten: „In manchem Leben gibt es neuralgische Punkte, die hart an die Seele gehen. Um Logik und Schlüssigkeit zu erhalten, müssen diese vorher genau abgesprochen werden.“ Manchmal sei es nicht ganz einfach, einen Menschen nachzuzeichnen: „Dann hilft oft ein Bild oder ein Foto weiter.“

Irmela Mukurarinda stammt aus einer Pastorenfamilie in der ehemaligen DDR. Dort studierte sie Theologie. Im Jahre 1976 ging sie nach West-Berlin, absolvierte eine Ausbildung als Religionslehrerin sowie die Pastoren-Ausbildung. Später lebte sie vier Jahre in Österreich, wo Protestanten in der Diaspora sind: „Ich hatte ein riesiges Gebiet von 230 Quadratkilometern zu betreuen mit nur zwei Kirchen – ich bin dauernd auf Achse gewesen.“ Doch die Zeit möchte sie keinesfalls missen: „Wir haben viel voneinander gelernt.“

Die pastorale Begleitung von Trauerfeiern nimmt tendenziell ab; das liege an gewissen traditionellen Strukturen, die die Kirche mittlerweile aber peu à peu aufweiche: „Viele Menschen möchten die althergebrachten Abläufe nicht mehr.“ Die Zeremonie müsse zu der verstorbenen Person passen – so wie die musikalische Begleitung oder bestimmte Aktivitäten der Hinterbliebenen: „Wer etwas sprechen oder ein Musikstück auf einem Instrument spielen möchte, soll es gern tun; doch muss dies vorher genau besprochen werden, damit es ein gelungener Beitrag wird.“

Das Thema „Beisetzung“ sollten Kirchen und Kirchengemeinden laut Irmela Mukurarinda sehr ernst nehmen: „Dies ist oft eine der ganz wenigen Gelegenheiten, bei denen die ganze Familie zusammen ist. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Enkel – sie können eine große Unterstützung sein. Gerade im Hinblick auf den gesamten anwesenden Familienverband müssen wir uns große Mühe geben.“

Text und Foto: Sonja Wenzel