Freitag, 24. Mai 2019    17:46

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Pastor Knippenberg aus Garding:

"Blues ist Religion"

Die Brille auf der Stirn, ein verbindliches Lächeln im Gesicht: Pastor Ralf-Thomas Knippenberg beendet gerade ein Telefonat, dann hat er Zeit für ein ausführliches Gespräch. Vom Frühsport ist er noch barfuß in Gesundheitssandalen. „Ich zieh mir grad Socken an, wenn’s nichts ausmacht,“ sagt er fragend aufblickend und streift sich geschwind die Fußbekleidung über. Das macht freilich gar nichts aus, es lässt den 57-Jährigen eher noch lebendiger, lockerer, unkonventioneller - auch ein wenig origineller erscheinen. Thomas Knippenberg ist seit neun Jahren Pastor in Garding. Davor betreute er die „Schäfchen“ in Wesselburen. Er ist nach eigenem Bekunden „wohl der erste Pastor, der mit mehr Geräusch als üblich“ im Gottesdienst erscheint. Das kommt nicht von ungefähr, denn Knippenberg, Vater erwachsener Kinder und Opa zweier Enkel, ist seit zehn Jahren der Vokalist der St. Jürgen Blues Band. Das sind sieben seriöse Herren, die im Stil der Blues Brothers mit Sonnenbrille und schwarzem „Deckel“ auftreten: „Alle haben einen kirchlichen Hintergrund, auch wenn sie im alltäglichen Leben Arzt, Spielwarenhändler oder Drucker sind – da gibt es eine große Bandbreite“, schmunzelt Knippenberg. Garding sei – politisch gesehen – ohnehin eine Gemeinde, in der die Musik seit vielen Jahren eine große Rolle spiele: „Einerseits durch die Musikkneipe ‚Lütt Matten‘ und andererseits durch die Musikantenbörse.“ Wenn auch Kirchenmusik zunächst immer im klassischen Sinne verstanden werde, so habe auch moderne Musik, wie der Blues und seine artverwandten Richtungen Jazz, Rock’n Roll und Soul, eine tiefe, oftmals göttliche Botschaft und Bedeutung. „Bei Gottesdiensten verbinden wir das geistliche Thema mit der passenden Musik“, so Knippenberg, der auch für die „Sommerkirche Welt“ verantwortlich zeichnet. Sei es „Sympathy For The Devil“ oder „You Can’t Always Get What You Want”: Sogar Songs von den Stones geben als Gesang und Predigt eine wundervolle Grundlage. Die St. Jürgen Blues Band entstand im Jahre 2006 in Heide aus der Idee, einen Blues-Gottesdienst zu gestalten. „Zwischen dem Blues und einem Gottesdienst spannt sich ein heiliger Bogen – diese beiden Bereiche haben immer einen geistlichen Zusammenhang.“ Feeling und Sound des Blues geben der harten Realität des Lebens ein Gesicht und den Menschen die Möglichkeit, ihre tiefen Gefühle vor Gott auszudrücken: Wut und Schmerz, Liebe und Glück, aber auch pure Lebensfreude. „Viele Menschen bekommen durch die Musik einen Zugang zu Kirche und Gott“, sagt Knippenberg. Wenn wir spielen, sind 350 bis 400 Personen in der Gardinger Kirche, dann ist tatsächlich die Kirche wegen Überfüllung geschlossen.“ Auch Musik sei Verkündigung, und das weltliche Lied könne etwas Geistliches vermitteln, es habe eine Botschaft, fordere zu Gemeinschaft und Tanz auf: So könne ein Gottesdienst zu einem beeindruckenden Freudenfest werden, genauso festlich und feierlich wie ein üblicher Gottesdienst, aber lockerer. Ralf-Thomas Knippenberg ist Pastor – aber auch leidenschaftlicher Musiker: „Das lässt sich nicht trennen – die Musik ist ein Teil von mir.“ Weitere Informationen zur St. Jürgen Blues Band gibt es unter www.st-juergen-blues-band.de

Text: Sonja Wenzel, Fotos: Wiebke Reißig-Dwenger