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Friedrichstadt - architektonische Perle in Nordfriesland

Treppengiebel an historischen Gebäuden, die aussehen, als seien sie aus Zuckerguss; die stillen, dunklen Wasser vieler Kanäle, sonnenbeschienen und von steinernen, gewölbten Brücken überspannt; historisches Kopfsteinpflaster auf dem zwischen hohen Bäumen und alten Kaufmannshäusern hingestreckten Markt; schnurgerade Straßen, gesäumt von niedlichen Puppenhäuschen – das ist der Ortskern von Friedrichstadt. Mit rund 2.600 Seelen zwar nicht besonders groß, aber mit seinen exquisiten, oft winzigen Geschäften, den vielen künstlerisch Schaffenden, den kleinen, feinen Hotels und Restaurants zieht Friedrichstadt jedes Jahr Tausende von Besuchern an. 

Das Städtchen, hingegossen zwischen die Flüsse Eider und Treene, ist nicht, wie die meisten anderen Gemeinden, langsam und ständig über viele Jahrhunderte gewachsen. Es hat hier seine ganz eigene Bewandtnis, denn zu Beginn des 17. Jahrhunderts wollte der damalige Gottorfer Herzog Friedrich III. einen Traum realisieren. Er suchte einen Platz an der Westküste, der als Waren-Umschlagplatz, speziell für Güter aus Spanien, dienen konnte. Hier an der Eider, die damals bis Rendsburg hinauf schiffbar war, erschien es ihm besonders verkehrsgünstig gelegen zu sein. Um seinen Plan umsetzen zu können, hatte er eine für damalige Verhältnisse nahezu revolutionäre Idee: Er rief der Heimat verwiesene, holländische Glaubensflüchtlinge zum Siedlungsbau an die Eider und sicherte ihnen auf 20 Jahre Zoll- und Steuerfreiheit zu. Außerdem versprach er ihnen, ihren Glauben frei ausüben zu dürfen – was er auch tatsächlich hielt. Viele unter diesen Flüchtlingen waren kluge Köpfe und pfiffige Baumeister, schwer beschlagen im Bauwesen und finanzkräftig obendrein. Sie legten gegen das Jahr 1620 Friedrichstadt gewissermaßen „auf dem Reißbrett“ an, nach niederländischem Vorbild in Karreeform mit rechtwinklig verlaufenden Straßen: So entstand Friedrichstadt in harmonischer Schönheit der Architektur auf wenig Raum, umgeben von traumhafter Landschaft. Friedrichstadts Ruf der religiösen Toleranz verbreitete sich rasch, so dass sich hier mehrere, friedlich koexistierende Glaubensgemeinschaften etablierten: Die aus den Niederlanden stammenden Remonstranten, die heute noch in Abständen mit einem niederländischen Pastor in ihrer Kirche Gottesdienste zelebrieren, Lutheraner, Katholiken, Mennoniten, Quäker und Juden. Die nördlichste Synagoge Deutschlands befindet sich in Friedrichstadt – voll Leben bis zum unseligen 9. November 1938 – jetzt eine Gedenk- und quirlige Kulturstätte. 

Herzog Friedrich, der der Stadt seinen Namen gab, hatte noch weitere ehrgeizige Pläne: Er wollte den lukrativen Ostindienhandel durch das alte Persien und Russland leiten und pfiffigerweise über Kiel und weiter nach Friedrichstadt lenken. Dies alles sollte behutsam vorbereitet werden. Dokumente belegen, dass diplomatische Gespräche an den Höfen des Schahs in Isfahan sowie des russischen Zars das Feld bestellen sollten. Was als Idee fortschrittlich und klug klang, scheiterte jedoch an den politischen Verhältnissen in Deutschland, denn hier tobte der Dreißigjährige Krieg. Kaum war jener ausgestanden, rüstete man sich zu den Nordischen Kriegen Anfang des 18. Jahrhunderts. Außerdem war das Herzogtum einfach zu klein, um dieses Vorhaben sowohl politisch als auch ökonomisch zu wuppen. 

So welkte die erhoffte wirtschaftliche Macht dahin, bevor sie voll erblühen konnte. Dennoch siedelten sich viele Handwerker aus Süd- und Mitteldeutschland an, darunter die Barchentweber aus Augsburg (Barchent ist ein Mischgewebe auch Baumwolle und Leinen, Anm. d. Red.). Alle Neuankömmlinge brachten die Gebäudearchitektur aus ihrer Heimat mit. Während der schleswig-holsteinischen Erhebung verschanzten sich im Jahre 1850 dänische Truppen in Friedrichstadt. Bei heftigen Kämpfen ging ein Großteil der Stadt in Schutt und Asche. Bald erhielt die Stadt Anschluss an das moderne Verkehrsnetz: Im Jahre 1887 wurde die Marschbahn von Altona nach Tondern errichtet, und Friedrichstadt bekam eine Eisenbahnstation. Die Kreisbahn Schleswig-Friedrichstadt wurde im Jahre 1905 eingerichtet. Sie existiert heute nicht mehr. Die Straßenbrücke über die Eider nach Dithmarschen wurde im Jahre 1916 eingeweiht.  

In Friedrichstadt ist die Zeit nicht stillgestanden. Hier pulsiert gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben. Museen und Ateliers laden dazu ein, die Historie und die Kunstszene kennenzulernen. Friedrichstadt steht auch zu den Schattenseiten seiner Geschichte: Die Ausrottung der jüdischen Gemeinde ist in so genannten „Stolpersteinen“ auf den Gehwegen dokumentiert. Fundiert geführte Grachtenfahrten laden dazu ein, die Stadt von der Wasserseite aus kennenzulernen. Die Einwohner lieben und pflegen ihre „Zuckerguss“-Häuser, und wer ein wenig Platz vor der Tür hat, pflanzt einen Rosenstock, so dass zur Rosenblütezeit ein ganz besonderer Zauber über der Stadt liegt. Dieser kulminiert in den „Friedrichstädter Rosenträumen“ vom 30. Juni bis zum 1. Juli. Am 27. bis zum 29. Juli findet das diesjährige Lampionfest statt, mit dem „Lampion-Bootskorso“ auf den Grachten als abendlicher Höhepunkt am Samstag. „Kultur“ wird hier verständlicherweise großgeschrieben: Ein engagiertes Team organisiert jedes Jahr die „Friedrichstädter Kulturnacht“, die am 25. August steigen wird. Wer „Nordfriesland“ sagt, sollte auch „Friedrichstadt“ – nicht nur sagen, sondern auch besuchen. Denn das Städtchen ist mehr als nur eine Stippvisite wert. 

Text: Sonja Wenzel, Fotos: Mareike Thiesen