Montag, 10. Dezember 2018    13:46

 

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Schriftsteller aus Barlt: Gustav Frenssen

Den ehemaligen Pastor Gustav Frenssen (*19. Oktober 1863, †11.April 1945) würde man heutzutage als „Bestsellerautor“ bezeichnen. Er gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den  erfolgreichsten deutschen Schriftstellern. Seine Bücher, darunter „Hilligenlei“ und „Jörn Uhl“, wurden in einer Auflagenstärke von mehr als drei Millionen Exemplaren gedruckt und in 16 Sprachen übersetzt. Geboren wird er als Zimmermannssohn in Barlt in Dithmarschen. Er geht zunächst in Meldorf zur Schule, später zur Husumer „Gelehrtenschule“, dem heutigen Hermann-Tast-Gymnasium. Verpflegt wird er über so genannte „Freitische“ bei begüterten Husumer Familien: Darunter ist der Haushalt der Familie Tönnies. Nach einem Abitur mit – außer in Deutsch - nur mäßigen Zensuren nimmt er in Tübingen ein Theologiestudium auf. Im Jahre 1890 wird er Diakon in Hennstedt. Er fühlt sich fehl am Platze und „nicht als richtiger Christ“. Zunächst gibt es kein Zurück mehr; er wird drei Jahre später Pastor in Hemme. Dort beginnt er Geschichten, die er vor langer Zeit bereits geschrieben hatte, neu aufzuarbeiten und an Zeitungen zu schicken: Sie werden gedruckt und finden großen Anklang. In dem Roman „Die drei Getreuen“ befasst er sich mit dem Schicksal der Landarbeiter, die, von Elend und Not getrieben, auswandern oder in die Städte ziehen. Auch dieses Buch erregt positives Aufsehen, wohingegen die Kirchenoberen dem schriftstellernden Pastor eher reserviert begegnen. In der folgenden Zeit bringt er drei Bände mit „Dorfpredigten“ heraus. Im Jahre 1901 ist der Roman „Jörn Uhl“ fertig und eine Prinzessin aus der kaiserlichen Familie lobt seinen Roman „Die drei Getreuen“. Jetzt kommen die Erfolge Schlag auf Schlag. Frenssen avanciert zum international bekannten Schriftsteller: „Jörn Uhl“ hat eine Auflage von 140.000 Exemplaren; wortgewaltige Größen wie Thomas Mann, Stefan Zweig und Marie von Ebner-Eschenbach bewundern Frenssens „Kraft der Schilderung von Menschen und Natur“. Im Jahre 1905 erscheint „Hilligenlei“ in der noch nie dagewesenen Startauflage von 100.000 Exemplaren. Frenssen geht an einigen Stellen in diesem Buch recht offen mit dem Thema Sexualität um. Diese dem Leben zugewandte Weltsicht kommt bei vielen Theologen nicht so gut an. Trotzdem: Frenssens Bücher erreichen erstaunliche Auflagen und er baut sich mit seiner Familie in Blankenese ein Haus. In den Wirren der Inflation um das Jahr 1920 geht das Haus jedoch hops und die Familie zieht zurück nach Barlt in sein Elternhaus. Er unternimmt zwei Jahre später eine Reise in die USA, die ihm eine enorme Weit- und Einsicht in den Lauf der Weltereignisse einbringt. Er schreibt daraufhin das Buch „Briefe aus Amerika“, in dem er seine Erkenntnisse verarbeitet. Leider bleibt in der Folgezeit von diesen Einsichten so gut wie nichts Richtungsweisendes übrig. 

Als im Jahre 1932 „selbst im Dorf die Tagelöhner nichts zu arbeiten haben, weil die Bauern kein Geld haben, um Tagelohn zu geben“, wählt er Adolf Hitler. Er bemüht sich, nicht mit jüdischen Mitbürgern in Verbindung gebracht zu werden und fragt sogar bei seinem Berliner Verleger nach, ob er Genaues über die Abstammung eines Filmredakteurs wisse, der ein Manuskript von ihm verfilmen will. Noch immer ist Frenssen Pastor; als ihm vom Landeskirchenamt nahegelegt wird seine Pastorenrechte aufzugeben, willigt er ein. Stetig biedert sich Frenssen den Nationalsozialisten an. Hitler verleiht ihm „in Anerkennung seiner Verdienste um das deutsche Schrifttum“ die Goethe-Medaille. Frenssen schreibt in einem Brief: „Die Partei erkennt mich freundlich an – mit Recht.“ Er verirrt sich immer weiter in das abstruse NS-Gedankengut und bringt „Der Weg unseres Volkes“ heraus: 40.000 Stück Auflage für einen Abriss über die Entstehung der Welt, die germanischen Götter bis zum Dritten Reich mit Inhalten wie: „Eine andere Idee, völlig undeutsch,…  gelangte mit den Juden in unser Volk…“. Als seine Adoptivtochter Wiebke 1941 stirbt, wird Frenssen hinfällig. Der Zweite Weltkrieg nimmt an Dramatik zu. Zwar erscheint 1943 frei von nationalsozialistischen Phrasen  die Erzählung „Der Landvogt von Sylt“, doch verliert Frenssen die klare Sicht auf die unseligen Ereignisse und deren Urheber. Er hat keinerlei Idee über die Vernichtung von Menschen und die Verzweiflungen der Zeit und schwafelt in Frontpostillen. Zu seinem 80. Geburtstag erhält er noch ein Glückwunschtelegramm von Hitler. Er stirbt eineinhalb Jahre später an Prostata- und Blasenkrebs. 

Text: Sonja Wenzel, Fotos:wiki.org