Samstag, 20. Oktober 2018    05:56


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Hier wurde bis in die Morgenstunden gefeiert:

Erinnerungen an die Schleihalle

Noch heute erinnern sich viele ältere Schleswiger voll Wehmut an die glanzvollen Zeiten des bedeutendsten Veranstaltungshauses, das es jemals in der Schleistadt gegeben hat. In der Schleihalle haben Generationen von Gästen sich zum Kaffeetrinken getroffen, gefeiert und zur Musik unzähliger Live-Bands getanzt. Das Nachtprogramm ging in den Glanzzeiten der Schleihalle bis vier Uhr morgens mit wechselnden Tänzern, Musikern und Künstlern. Der Dithmarscher Johann Jürgens, Inhaber und Direktor der Schleihalle seit 1928, wusste die kleinen und großen Stars in das verschlafene Provinznest an der Schlei zu holen. Es ist unmöglich, alle Stars und Künstler zu nennen, die jemals in der berühmten Schleihalle ihren Auftritt hatten. Einen kleinen Einblick in die hochkarätige Vielfältigkeit gibt es im Jahre 1956 zum Fasching: „Pariser Nächte mit einem auserwählten Karnevalsprogramm voller Schwung, Schönheit und Temperament.“ An der Premiere des Februar-Programms wirkten mit: „Das neue Berliner Spitzenorchester ‚Das Delecade Sextett‘ voll Rhythmus und Schwung, der Casanova von St.Pauli, die Los Rigos: eine akrobatische Schönheit in Plastik und Gold, Elf Eichler: eine Solotänzerin von großem Format, Achim Medro und Partnerin: die internationalen Tanz-Parodisten, die Sterne von Moulin-Rouge: Stepptanz in höchster Vollendung, Ib René: ein internationaler Artist, Jongleur und Kautschuk, ganz große Klasse, der Raspa-König Achim Medro zeigt jeden Abend Raspa, Rumba, Mambo sowie Tänze um die 1900-Jahrwende. Gäste können mitmachen!“

Die Schleihalle war ursprünglich ein altes Zoll-Packhaus, das Mitte der 70-er Jahre des 19. Jahrhunderts zu einer Gastwirtschaft umgebaut wurde. Es war ein seriöses Haus, ab 1892 pachtete die  „Schleihallen-Gesellschaft“ die Gastronomie. Die Gesellschaft bestand überwiegend aus höheren Beamten und Offizieren und diente dem geselligen Zusammensein, bei dem Frauen nicht zugelassen waren.

Das Gebäude wurde vielfach umgebaut, vergrößert und modernisiert. Den umfangreichsten Umbau, durch den die Schleihalle ihre markante Fassade erhielt, führte Johann Jürgens Mitte der 1930-er Jahre durch. Für die Inneneinrichtung ließ sich Jürgens etwas ganz Besonderes einfallen – er erwarb in Hamburg Teile der Ausstattung des zum Abwracken vorgesehen Luxusdampfers Cap Polonio in einer Versteigerung. Die 700 Sitzplätze reichten an vielen Kabarett-, Varieté- und anderen Showabenden gar nicht aus. Die Schleihalle war „das“ Veranstaltungshaus im Norden. 

In den Kriegsjahren ruhte das Vergnügungsprogramm, jegliche „öffentliche Tanzlustbarkeiten“ waren verboten. Johann Jürgens kämpfte mit wirtschaftlichen Einbußen, das Restaurant brachte zu wenig ein. Aber der Schleihallen-Direktor hatte viele Standbeine und er war ein cleverer Geschäftsmann. Er unterhielt viele Jahre einen Rennstall. Für Pferderennen hatte er ein gutes Gespür. Im Juli 1945 öffnete die Schleihalle wieder in vollen Umfang, die mageren Jahre waren vorbei. Überregionale Werbung und von Jürgens organisierte Busfahrten nach Schleswig steigerten die Bekanntheit des Hauses. Doch ihm wurde sein Hang zum Luxus zum Verhängnis. Er konnte Rechnungen und Steuern nicht bezahlen. Trotzdem investierte er anderenorts in Etablissements wie das Delhi-Palace in Hamburg, bei dem er die Wände mit Blattgold verzieren ließ.

Ende der 1950-er Jahre änderte sich der der Geschmack der Gäste, Kabarett und Varieté-Shows mussten den Auftritten von Beatgruppen weichen. Nachts waren Erotik-Shows gefragt, in einer Annonce vom April 1966 heißt es: „Wir präsentieren die große Carvello-Show. Eine Dschungel-Vision, exotisch–erotisch–erregend. In der ganzen Welt haben die Carvello-Girls mit großem Beifall ihre Tanz-Szenen vorgeführt. Zum Tanz und zur Unterhaltung spielt: Herbert Sandkaulen mit seinen Solisten. In der Bar bringen wir ab 1 Uhr eine Striptease-Sensation – Anmut und Schönheit. Lido-Tanzpalast ab 1.April, 20 Uhr, sonntags 16 Uhr: Gastspiel von Tommy Beshop and The Ricochets, eine Attraktion aus London.“

Die Glanzzeit der Schleihalle war Mitte der 1960-er Jahre vorbei. Ein alternder Direktor, der sich, bedingt durch seinen Lebensstil, immer dicht am Konkurs bewegte und das aufkommende Fernsehen besiegelten das Ende des berühmten Veranstaltungshauses. Die Stadt erwarb 1968 die Schleihalle, weil sie den Straßenausbauplänen im Weg stand. Der Abbruch folgte im gleichen Jahr. Johann Jürgens verstarb am 5. November 1973 in Hüsby. Dort lebte er von den Einnahmen seiner Legehennen-Zucht. 

Text und Fotos: AgenturSchleswig