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Maler und Radierer aus Halebüll: Ingwer Paulsen

Wer über Schobüll nach Nordstrand fährt, kommt durch Halebüll. Dort entgeht einem scharfen Auge ein nach rechts abbiegender Weg namens „Ingwer-Paulsen-Weg“ nicht. Die Straße trägt diesen Namen zum Gedenken an Ingwer Paulsen, den erfolgreichen nordfriesischen Maler und Radierer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am 3. April des Jahres 1883 kam er zwar in Ellerbek bei Kiel zur Welt, doch lagen seine Wurzeln in Nordfriesland: Sein Vater, ein in Kiel praktizierender Arzt, stammte aus einem alten Bauerngeschlecht in Efkebüll bei Bordelum, seine Mutter aus einer Hattstedter Pastorenfamilie. Ingwer Paulsen besuchte humanistische Gymnasien in Kiel, später in Flensburg. Der Schulbesuch in zwei weltoffenen, relativ freigeistigen Städten legte den Grundstein dafür, dass Paulsen später gern Anregungen aus anderen Ländern mitnahm und in seinen Skizzen umsetzte, gleichwohl aber heimatverbunden blieb. Als junger Mensch wollte er Architekt werden und ließ sich zunächst in München nieder, wo ihn die Begegnung mit bedeutender Kunst überwältigte.  

Gegen den Willen seiner Eltern änderte er seinen Berufswunsch von „Architekt“ in „freischaffender Künstler“ und setzte sich damit im Jahre 1904 durch. Da war er 21 Jahre alt, zeigte sich talentiert und wurde an der Kunstakademie von München aufgenommen. Besondere Begabung entwickelte er im Zeichnen und in der Grafik, erst in zweiter Linie in der Malerei. Es gelang ihm, quasi „mit einem Blick“ Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen und die „Seele“ einer Architektur erlebbar zu machen. Er siedelte im Herbst des Jahres 1907 nach Weimar über, doch es zog ihn wieder fort: Schon zwei Jahre später ging er nach Paris, wo sich sein Wunsch nach geistig-künstlerischer Anregung der Weltstadt erfüllte: Er empfing richtungsweisende Eindrücke von bekannten Malern und Radierern und lernte den Bildhauer Auguste Rodin kennen, der in ihm den lange schlummernden Wunsch nach bildhauerischem Schaffen wieder wachrüttelte. In dieser Zeit passierte viel: Eine Eheschließung, die Rückkehr nach Weimar und Reisen nach Italien und Flandern; er brachte von hier großformatige Architektur-Radierungen mit, die ihn mit einem Schlage in der breiten Öffentlichkeit bekannt machten. Im Jahre 1913 baute er ein Haus in Halebüll bei Husum. Die herbe Schönheit seiner Heimat, aber auch die Ostküste bei Kiel, Eckernförde und Flensburg hielt er in seinen Radierungen fest. Auf weiteren Reisen fertigte er Zeichnungen von Landschaften um Rügen herum an sowie von der mittelalterlichen Architektur Stralsunds und Neubrandenburgs. Im Laufe des Jahres 1923 trennte er sich von seiner Ehefrau, die mit den drei gemeinsamen Kindern auf einem Hof bei Friedrichstadt zurückblieb. Paulsen reiste unermüdlich durch Norddeutschland und schuf ein großes künstlerisches Gesamtwerk. Der Quickborn-Verlag brachte Radierungen in drei Mappen heraus: „Die nordfriesischen Inseln und Halligen“, „Eiderstedt“ und „Nordfriesland“. Doch durch die Inflation hatte niemand Geld, um etwas zu kaufen: So blieb es bei diesen drei Mappen. Künstlerisch fruchtbare Reisen führten ihn in die Provence und nach Griechenland, wo eine reiche Ausbeute hervorragender Zeichnungen und Gemälde entstand. Gerade die antike Architektur faszinierte ihn besonders. Seine zweite Ehefrau, Friedel von Rohden, soll eine lebendige, zupackende Frau gewesen sein, die eine fundierte Ausbildung als Gärtnerin erhalten hatte. Sie gab dem Künstler Rückhalt, sorgte für die Ernährung aus dem eigenen Garten und bildete später in einer „Webkate“ Bauerntöchter im Handweben aus. Das Arbeiten auf seinen Reisen ließ Paulsen nie los. Im Zweiten Weltkrieg war er bei der Luftwaffe zunächst in Schleswig, später in Holland und Quakenbrück stationiert. In Schleswig soll er Räume in der Kaserne künstlerisch gestaltet haben, doch davon ist nichts erhalten. Anlässlich seines 60. Geburtstag wurde sein Gesamtwerk im Husumer Nissenhaus mit einer großen Ausstellung gewürdigt. Seine Gesundheit war zu dem Zeitpunkt schon schwer angeschlagen. Er starb am 25. November 1943 und wurde auf dem Friedhof in Hattstedt beigesetzt. 

Text: Sonja Wenzel, Fotos: privat