Dienstag, 19. November 2019    19:57


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Mit Coworking Spaces der Landflucht entgegenwirken

Am Anfang stand das „Drievels“- oder auf Hochdeutsch „Treibsel“-Festival, das Ralph und Claudia Kerpa in ihrem Künstleratelier in Langenhorn in diesem Sommer anschoben:
Insgesamt vier Veranstaltungen an vier unterschiedlichen Orten in Nordfriesland - darunter Podiumsdiskussionen und Erfahrungsaustausche - befassten sich mit dem weit in die Zukunft reichenden Thema „Digitalisierung“, das, laut Ralph Kerpa, stellenweise immer noch „viel zu zaghaft“ angefasst wird: „Wir können der Digitalisierung etwas Positives abgewinnen. Sie bedeutet nicht zwangsweise den Verlust von Arbeitsplätzen, sondern vor allem, dass man bequem von überall, auch von zu Hause, arbeiten kann.“ Digitalisierung berge ein ungeheures Potenzial für eine strukturschwache Region und sei der Humus für neue Arbeits- und Lebensmodelle. Wenn auch das „Drievels“-Festival mittlerweile abgeschlossen ist, so geht doch das Engagement von Claudia und Ralph Kerpa für neue Strukturen im Leben auf dem Lande weiter, denn, so das Künstlerehepaar: „Wir brauchen Menschen, die hier ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt installieren.“ Arbeitszeitmodelle ändern sich rasant – doch immer noch steigt erst eine Minderzahl von Unternehmen auf den Zug auf, der sich bereits in Gang gesetzt hat. An diesem Punkt setzt die von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordfriesland ins Leben gerufene Standortkampagne „Moin Lieblingsland“ an, die Standorttreue und Bodenständigkeit mit pfiffigen Einfällen und moderner Geisteshaltung verbindet: Hier erzählen die beiden ihre Geschichte und engagieren sich weitreichend: Zunächst im monatlichen Treff für alle Nordfriesen unter dem Motto „Moin Nachbar“ - gefördert von „Interreg Deutschland-Danmark“ mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung – aber auch in einer neuen Möglichkeit des „Homeoffice“: Wenn daheim ein „richtiges Homeoffice“ möglicherweise an der Ausstattung mit der passenden, modernen Technik scheitert, lautet das Zauberwort „Coworking Space“: Dann kann ein Raum bereitgehalten werden mit den notwendigen Einrichtungen, wie WLan, Steckdosen, Telefon oder Drucker. Ralph und Claudia Kerpa stellten ihr Atelier in diesem Jahr mehrfach für maximal sechs Arbeitsplätze zur Verfügung. Im nächsten Jahr soll es auf jeden Fall damit weitergehen. Diese neue Form der Arbeit eignet sich unter anderem für Freiberufler, junge Start Ups oder „IT-Nomaden“ – kurz für Menschen, die entweder aus Platzmangel oder anderen Gründen kein Homeoffice haben können oder sich darin einsam fühlen: „Im Coworking Space haben sie Kollegen auf Zeit, können voneinander profitieren und Kontakte knüpfen.“ Coworking ist unter anderem auch in einem mobilen Container namens „Co-Work-Land“ der Heinrich-Böll-Stiftung möglich, der bereits in Husum und Süderlügum gastierte und in ländlich geprägter Umgebung das digitale Arbeiten ermöglichte: „So kommen Personen zusammen, die sonst nie zusammenkommen würden und können gemeinsam etwas aushecken“, bringt es Ralph Kerpa auf den Punkt. Genau das solle noch mehr gepflegt werden, denn es fördere, festige und optimiere das Gute und Vorteilhafte dieser Region, stärke sie und mache sie erst recht reizvoll: Eine atemberaubende Landschaft, die ideal sei zum „Herunterkommen“, gepaart mit modernem Leben auf dem Lande, das – auch hinsichtlich einer Reanimierung der Infrastruktur - wieder beliebt und belebt werde und der Landflucht entgegenwirke: „Leben auf dem Lande ist modern und kann mit der Digitalisierung attraktiv sein und dem urbanen Leben in nichts nachstehen.“

Das „Friesentreffen „Moin Nachbar“, organisieren seit einem knappen halben Jahr Claudia und Ralph Kerpa. Es findet jeweils am letzten Donnerstag im Monat und immer an verschiedenen Orten statt. Es spricht viele junge Nordfriesinnen und Nordfriesen an, die, nachdem sie sich den Wind der „großen weiten Welt“ um die Nase haben wehen lassen, zu ihren Wurzeln zurückkehren – aber nur mit einer umfassenden Digitalisierung hier arbeiten können. Weitere Informationen unter www.meerart.de.

Text: Sonja Wenzel, Fotos: Ralph Kerpa