Donnerstag, 20. Januar 2022    11:59


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Von Beruf Regenschirmmacher: Klassische, einzigartige Handwerkskunst made in Germany

 

Nur noch vereinzelt gibt es in Deutschland Regenschirmmacher wie etwa in Berlin oder Essen. Oftmals generationenübergreifende Manufakturen, deren Ende in Sicht ist.

 

Eines gleich vorweg – leider ist der traditionsreiche Beruf des Regenschirmmachers vom Aussterben bedroht. Wissen und Können gehören dann der Vergangenheit an und sind nur noch in entsprechenden Literaturquellen oder persönlichen Aufzeichnungen einzelner Regenschirmmacher nachzulesen. Denn kein Schulabgänger kann heutzutage mehr diesen mit lieb gewonnenen Traditionen verbundenen, einzigartigen Handwerksberuf erlernen.

 

Im Jahr 1998 wurde im wahrsten Sinne des Wortes „der Schirm zugeklappt“, nachdem der altehrwürdige Beruf von der Liste der anerkannten Ausbildungsberufe gestrichen wurde. Geführt war er in der Gruppe der Holzhandwerker – auch, wenn in Regen- oder Sonnenschirmen längst viele Metall- und Kunststoffteile verwendet werden. Die Ausbildung dauerte drei Jahre. Das Gesellenstück bestand aus der Anfertigung eines Schirmes in maximal vier Stunden. Vor der Handwerkskammer wurden in einer theoretischen Prüfung die Fachkenntnisse abgefragt. Wie auch bei anderen Handwerksberufen nach wie vor üblich, konnte sich der Regenschirmmacher nach erfolgreich bestandener Meisterprüfung selbstständig machen.

 

Wenn das Einzigartige zählt

Regenschirmmacher vollführen eine wahre Handwerkskunst, die das Beherrschen ganz unterschiedlicher Techniken voraussetzt. Jeder Schirm ist ein absolutes Unikat und wird in klassischer handwerklicher Meisterleistung nach vorliegenden Entwürfen oder Zeichnungen und Schnittmustern meist in der eigenen Werkstatt angefertigt. Die beeindruckende Verarbeitung ist exzellent und die verwendeten Materialien von höchster Qualität. Regenschirmliebhaber schätzen die zeitlose Eleganz, hält der Schirm bei entsprechender Pflege doch ein Leben lang. Auch Reparaturen werden angeboten – allerdings lohnt sich dies nicht bei sogenannten massenproduzierten Billigregenschirmen.

 

Schritt für Schritt zum Lieblingsregenschirm

Zunächst werden für einen „maßgeschneiderten“ Regenschirm die erforderlichen Bestandteile wie etwa das Gestell, der Griff oder der Schirmstock hergestellt. Fachwissen ist hier notwendige Voraussetzung, denn beim Einsatz der benötigten Handwerkszeuge Bohrer, Feile und Raspel ist behutsames Vorgehen oberstes Gebot. Anschließend wird aus dem zuvor ausgewählten Stoff die Schirmdecke angefertigt. Dafür sind Techniken wie Messen, Zuschneiden, Einschneiden, Näharbeiten per Hand oder mittels Maschine, das Dampfen und mitunter auch das nachträgliche Imprägnieren unabdingbar. Danach werden alle Teile zu einem Schirm zusammengebaut. Dies geschieht durch Verleimen oder Verkleben, Beizen und Polieren sowie dem fachgerechten Einpassen der Griffe. Das Gestell wird benäht und mit der Schirmdecke versehen. Durch das Einsetzen und Verstiften von Federn bewirkt man die Aufspannautomatik des Schirms. Ein passender Druckknopf sichert das Zusammenlegen und Aufbewahren des Schirms.

 

Von England nach Mitteleuropa

Der Regenschirm setzte sich im 18. Jahrhundert erstmalig in England durch – nicht verwunderlich angesichts der Häufigkeit des dort vorherrschenden Regens. Der britische Philanthrop und Reisende Jonas Hanway machte ihn populär, war er doch der erste männliche Londoner, der einen Regenschirm trug. Anschließend verbreitete sich der Schirm in der Bevölkerung Mitteleuropas. Der Niedergang selbstständiger Schirmmacher setzte im Zeitalter des Biedermeiers (1815-1848) ein. Damals kam es zu einer großen Nachfrage, sodass Regenschirme in Fabriken industriell gefertigt wurden.

 

Text: Claudia Egert, Foto: Gustave Caillebotte