Samstag, 21. Oktober 2017    23:17


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Herbstzeit – Igelzeit

Wer jetzt an den letzten, einigermaßen milden Abenden bei Dämmerung im Garten nach dem Rechten sieht, könnte das Glück haben, einem stacheligen Nachbarn zu begegnen. Schmatzend, laut schnüffelnd und raschelnd durchstreifen Igel geschäftig ihre kleine Welt auf der Suche nach Nahrung. Die Familienplanungszeit ist längst vorbei, die im August dieses Sommers gesetzten Jungigel – etwa vier Stück pro Wurf - sind selbstständig geworden und allein unterwegs. In dieser Jahreszeit pirschen sie auch nach einer geeigneten Winterbehausung, denn wenn die Temperaturen dauerhaft fallen, ziehen sie sich mitunter schon ab Oktober zurück und wachen erst wieder gegen April auf – dann, wenn der Tisch für sie wieder gedeckt ist. Igel stehen unter Naturschutz und sind nicht nur possierlich-putzig, sondern kleine Nützlinge, die viele Insekten vertilgen. Was steht auf dem Speiseplan?Igel fressen Engerlinge und Maden, Würmer und Schnecken – aber kein Obst: Wer das Gebiss eines Igels auf Abbildungen oder in einem Naturkundemuseum betrachtet, sieht an den vergleichsweise langen, scharfen Eckzähnen, dass die etwas plump wirkenden, aber behenden und erstaunlich langbeinigen Tierchen reine Fleischfresser sind. Ein gelegentliches Knabbern an einer Fallzwetschge ist „etwas für den süßen Zahn“ – mehr jedoch nicht. Tierfreundlicher Garten ist das A und OIgel sind vielen Gefahren ausgesetzt: Viele sterben jährlich im Straßenverkehr. Doch auch Gärten bergen viele Fallen. Gartenteiche können, tappt ein Igel aus Versehen hinein, zum tödlichen Verhängnis werden, wenn sie keinen flachen Ausstieg haben. Das Gleiche gilt für Kellertreppen und -schächte, die Igel hinabstürzen können. Lebensrettend sind auch hier Ausstiegshilfen. In Maschendrahtzäunen können sie sich verfangen und elendiglich zugrunde gehen, oder sie pieken und reißen sich an hervorstehenden Drahtenden. Besser sind Hecken: Dort aalen sich Igel hindurch und sind überdies dankbar, wenn Zäune nicht direkt am Boden abschließen, sondern kleine Durchlässe aufweisen, durch die sie schlüpfen können. Ihre Reviere sind bis zu 100 Hektar groß; ein einziger Garten, sei er auch noch so naturnah angelegt, reicht also niemals aus. Bis zu drei Kilometer legen Igel pro Nacht auf der Suche nach Fressbarem zurück. Ihre Tagesnester verteilen sie an mehreren Stellen. In antiseptischen Gärten können Igel nichts werden. Wer auf Schneckenkorn und Rattengift schwört, Unkrautvertilger sprüht, den Laubsauger bemüht und weder abgeblühte Stauden noch Moos und andere kleine „Schlampigkeiten“ duldet, kann zwar „vom Fußboden essen“, bietet Igeln aber keinerlei Möglichkeit zum Überleben. Besser ist es, unter Hecken und Büschen das Laub liegenzulassen, vielleicht sogar ein Überwinterungshäuschen für Igel „von der Stange“ aufzustellen. Zugängliche Komposthaufen und ein paar verschwiegene Ecken, wie Hohlräume zwischen Holzplatten, kommen den Tieren entgegen. Was tun mit einem Fund-Igel?Nicht jeder Igel braucht Hilfe. Manche sind einfach nur unterwegs auf Futtersuche. Wer sich nicht sicher ist, beobachtet das Tier ein wenig. Ist es zügig und zielstrebig auf den Beinen? Torkelt es, wirkt es orientierungslos oder sind die Augen nicht knopfartig, sondern zu Schlitzen verengt? Dann heißt es: Ab zum Tierarzt oder zu einer Hilfsstation, die sich um solche Patienten kümmert. Die Grenze, um den Winter zu überleben, liegt bei Jungtieren bei etwa 500 Gramm. Man kann sie auf einer Haushaltswaage wiegen. Hustet der Igel, hat er möglicherweise Lungenwürmer und sollte zum Tierarzt gebracht werden, der ihm gegen die Parasiten eine Spritze verpasst. Fühlt er sich in der Hand kalt an und ist er zu einer Zeit im Jahr unterwegs, zu der er normalerweise Winterschlaf halten sollte, ist er eventuell unterkühlt. Seine normale Körpertemperatur liegt ungefähr bei 35 Grad. Auf einer mit lauwarmem Wasser gefüllten Wärmflasche, die mit einem alten Frotteetuch umwickelt wird, kann er wieder aufgewärmt werden. Man kann ihn provisorisch für ein paar Stunden in eine Kiste setzen, in die ein bisschen „Baumaterial“ gegeben wurde – ein Handtuch, hinter das er kriechen kann, reicht schon aus. Etwas Katzenfutter, ein gekochtes Ei, ein Rührei oder etwas Hackfleisch in der Pfanne mit wenig Fett – ohne Gewürze und nie mit Salz – zubereitet, dient als Futter. Hat er Hunger, wird er es gern annehmen. Zum Trinken darf ein Igel nie Milch bekommen, daran kann er sterben. Am besten ist immer ein Schlüsselchen mit Wasser.Einen Igel daheim im Keller oder gar in der Küche überwintern zu lassen, bedeutet für alle Beteiligten Stress und Unannehmlichkeiten. Am besten ist es, das Tier dort wieder auszusetzen, wo es gefunden wurde, wenn es sich erholt und sattgefressen hat oder vom Tierarzt versorgt worden ist. Es gibt in der Region einige wenige Igelstationen, die von engagierten Menschen unterhalten werden. Auskunft bei Fragen erteilen via E-Mail Buje und Marietta Andresen auf Nordstrand unter info@igelhilfe-nordstrand.de. Die von ihnen jahrelang betriebene Igel-Hilfsstation besteht allerdings nicht mehr.

Text: Sonja Wenzel, Foto: Tomaž Demšar/wiki.org