Dienstag, 23. Januar 2018    21:01


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Über den Dächern von Schleswig

Lena Kraushaar steigt den Schleswigern in regelmäßigen Abständen aufs Dach. Das ist auch gut so, denn die 33-Jährige ist von Beruf Glücksbringerin mit Fachwissen. Genauer gesagt: Lena Kraushaar ist eine der wenigen Schornsteinfegerinnen, die es in der Schleiregion gibt. So exotisch der Beruf immer noch für eine Frau ist, so außergewöhnlich ist dann auch ihr Arbeitsplatz, der sich entweder in schwindelnder Höhe auf dem Hausdach befindet oder, mit Wärmebildkamera und Laptop ausgestattet, an der Heizungsanlage im Keller. Eine Seltenheit ist das Berufsbild nicht. Schon längst hat das weibliche Geschlecht die Männerdomäne mit Zylinder und Drahtbürste erobert. Dennoch zieht „die schwarze Frau“ die Blicke der Passanten auf sich, und nicht nur zum Jahreswechsel lässt ihr Anblick viele Menschen auf einen glücklichen Tag hoffen. Der Berufswunsch war von Anfang an ein Handwerk: „Ich habe während der Schulzeit Praktika bei verschiedenen Handwerksbetrieben absolviert. Letztendlich habe ich eine Liste gemacht und die Berufe miteinander verglichen. Als die meisten grünen Häkchen beim Schornsteinfeger angestrichen waren, stand für mich mein Traumberuf fest.“ Und das ist er bis heute.

Wie sieht es mit der Grundvoraussetzung „schwindelfrei“ zu sein aus? „Im Eignungstest für Schornsteinfeger wird dies nicht gefordert“, meint Lena Kraushaar mit einem Lächeln. „Aber für mich war schon als kleines Kind kein Baum zu hoch. Die Höhe macht mir gar nichts aus.“ Es sei denn, die Leiter wird vom Wind umgelegt. „Das ist mir auch schon passiert“, erinnert sich Lena Kraushaar. „Wenn man dann kein Handy dabei hat, muss man eben so lange warten, bis Hilfe in Sicht ist.“ Sie sei auch schon mal in einem Keller eingeschlossen gewesen, weil die Anwohner dachten, sie sei schon fertig gewesen mit der Arbeit. „Da hatte ich mit dem Handy keinen Empfang und musste durch ein kleines offenes Fenster das Mobiltelefon raushalten, um jemanden zu erreichen. So konnte ich Hilfe holen, obwohl eine längere Wartezeit nicht dramatisch gewesen wäre, weil es sich um einen Weinkeller handelte“, erzählt sie mit einem Schmunzeln.

In zweiter Funktion sind Schornsteinfeger aber auch Glücksbringer. So lautet jedenfalls der Aberglaube, an den sich so ziemlich alle Menschen halten. Dieser Aberglaube ist schon sehr alt und stammt aus dem Mittelalter. Damals wurden die Holzhäuser häufig Opfer von Flammen. Nur durch das Reinigen der Kamine und Schlote konnten Brände verhindert werden. Kaminkehrer schützten also das heimische Glück. Deswegen gilt der Schornsteinfeger bis heute, neben Hufeisen, rosa Ferkelchen und grünem Kleeblatt, als zuverlässiger Glücksbringer. Allein das Berühren der Jacke oder der schwarze Tupfer auf der Kindernase durch den Schornsteinfegerfinger, sollen zu persönlichem Glück verhelfen. Wenn man nur ganz fest daran glaubt, oder? Ein Patentrezept habe sie da auch nicht, meint die Schornsteinfegerin: „Man muss das Glück einfach nur erkennen, wenn es vor einem steht.“

Text: Andra Weide, Fotos: Jörg Weide