Dienstag, 12. Dezember 2017    05:21

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Energie und Wachstum entstehen aus Ideen:

Bildhauerin Sigrid Stegemann

Um in die großzügige Küche des alten Bauernhauses zu gelangen, muss der Besucher unweigerlich an zwei Objekten in dem winzigen Flur vorbei: Das eine ist ein grauer, glatter Stein mit zarter, aber lebhafter Maserung. Wer genau hinschaut, erkennt darin einen ruhenden Hasen: rundlich, Ohren und Schnuffelnase nur angedeutet. Das andere ist ein langer Streifen aus Metall, der zu einer Schnecke aufgerollt ist. „Verbundene Wunde“ hat es Sigrid Stegemann genannt. Die 55-Jährige Bildhauerin hat sich in ein idyllisches Dörfchen im Süden Nordfrieslands zurückgezogen. Hier fand sie vor einigen Jahren ein schönes Reetdachhaus mit lebendiger „Seele“, das genug Platz für eine Werkstatt bot. Ein Gespräch mit Sigrid Stegemann über ihre Arbeit fühlt sich leicht, klar und entspannt an, es gibt Anregungen und Denkanstöße, manches „Aha-Erlebnis“ stellt sich ein. Sie ist völlig unprätentiös in ihren karierten Hemd und der derben Arbeitshose. Sie wirkt, als komme sie gerade aus ihrer Werkstatt. Jetzt ist sie ganz bei der Sache, erzählt lebhaft, gern und viel – gerade so, als sei sie über eine kleine Unterbrechung ihrer Arbeit sogar recht froh. Die Tasse mit dampfendem Kaffee in der Hand geht ihr Blick aus dem niedrigen Fenster hinaus, gleitet in den besonnten, etwas wilden Garten: „Wenn ich ein Material finde, das ich formen kann, läuft es in mir wie ein Film ab, was ich damit tun und ausdrücken möchte. Um eine Empfindung zu kommunizieren, braucht es einem bestimmten Werkstoff, gleichgültig, was es ist: Eine bestimmte Form verlangt nach dem passenden Material, um eine Wirkung zu verstärken, ansonsten geht sie verloren“, sagt sie.
Etwas formen, unter den Händen eine eigene Idee wachsen lassen – das war Sigrid Stegemanns Streben von Kindesbeinen an. „Ich habe es noch genau vor Augen: Ich war drei oder vier Jahre alt, als mir mein älterer Bruder, der schon zur Schule ging, im Sand aufmalte und zeigte, wie man ein Haus perspektivisch darstellt.“ Seitdem sei sie „immer weitergegangen“. Ihre Familie bot ihr dazu ideale Voraussetzungen: Die Eltern betätigten sich künstlerisch aus Liebhaberei mit Wolle und Bernstein, die Großmutter brachte der Enkelin das Sticken bei. Der Großvater arbeitete gern mit Holz. Nach der Schule lernte Sigrid Stegemann drei Jahre Holzbildhauerei an der Werkkunstschule in Flensburg. In Italien, dem Land der Bildhauerei, das sie völlig begeisterte, studierte sie in der toskanischen „Marmorstadt“ Carrara an der Accademia di Belli Arti fünf Jahre lang Bildhauerei. Wenn die Accademia im Sommer schloss und der Studienbetrieb ruhte, kehrte sie nach Nordfriesland zurück und schnitzte Möbel in einem Betrieb für hochwertiges Interieur. Noch immer arbeitet sie heute gern mit Holz: Sie fertigt Haustüren oder Treppengeländer, die in eleganten Schnecken auslaufen. „Holz ist ein sehr anspruchsvolles Material“, erläutert Sigrid Stegemann. Holzbearbeitung erfordere in erster Linie Übung, aber auch Begabung. „Es lebt, ist eigenwillig in Wuchs und Maserung, es kann bei falscher Bearbeitung aus- oder einreißen. Die Arbeit mit Stein ist dagegen einfacher und homogener in seiner Struktur.“ Auch die Arbeit mit Bernstein fesselt sie, und wenn sie darüber spricht, sind ihr Begeisterung und Ehrfurcht vor dem unermesslichen Alter des Harzes anzumerken: „Bernstein ist 50 Millionen Jahre alt, er duftet tatsächlich immer noch harzig – mir läuft immer wieder eine Gänsehaut über den Rücken.“ Sie liebt es, Materialien miteinander zu kombinieren: „Crossover“ nennt sie es, und rollt zur besseren Erklärung eine putzige, an den Polen abgeflachte Holzkugel herbei, die als rückenschonendes Sitzmöbel dient: mit einem in der eigenen Werkstatt handgefertigten Sitzpolster aus Wollfilz.

Sigrid Stegemann schuf für verschiedene Schulen in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Kunst am Bau – Boote, Wellen oder überdimensionale Murmeln aus Beton. Sie spricht eindrücklich von den ungeheuren Mengen an Material, die bewegt und zubereitet werden müssen, von Hochleistungsbeton, der mit Farbpigmenten versetzt wird, von der Herstellung von Modeln und Formen, von der Zeit die dafür notwendig ist – und von der Auseinandersetzung mit verwaltungstechnischen Finessen, die einer Künstlerin, die nach der Verwirklichung einer Idee strebt,  völlig fremd und bizarr vorkommen.  „Wenn die Bildhauerei eine Zeitlang in den Hintergrund tritt, bin ich unglücklich“, gesteht sie. Es sei, als müsse sie einem inneren Ruf folgen. „Es bringt Spaß dazuzulernen und neue Dinge zu erarbeiten. Eine Idee entsteht aus der nächsten, das ist erlebbare Entwicklung, spürbares Wachstum, eine grundlegende Lebensenergie, ein tiefes, menschliches Gefühl – das ist Glück.“

Jeden Mittwoch von 19:00 Uhr bis 21:00 Uhr kann man bei Sigrid Stegemann in Oldersbek an einem offenen Workshop teilnehmen. Er kostet 10 Euro pro Person und Stunde. „So weit wie es möglich ist, arbeiten die Teilnehmenden nach eigenen Wünschen.“ Doch momentan ist Holzschnitt angesagt. Interessenten können sich unter der Telefon-Nummer 04848-1225 bei ihr melden.

Text und Fotos: Sonja Wenzel