Freitag, 18. August 2017    04:55


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Die Vergolderin arbeitet mit Materialien „mit Seele“

Bente Michaelsen-Staege vollführt eine elegante Halbdrehung und breitet die Arme weit aus. „Dies hier ist meine Werkstatt“, sagt sie mit zufriedenem Blick, mustert die auf Gestellen ruhenden Leisten und Bilderrahmen, die Flaschen mit geheimnisvollen Tinkturen, die für den Laien fremden Gerätschaften. Die 36-Jährige übt einen nahezu exotischen Beruf aus: Sie ist Rahmenvergolderin in der Husumer Galerie Tobien. Im Jahre 2001 begann sie die dreijährige Ausbildung. Bei ihrem ausgeprägten Interesse für Kunst war es ein großer Glücksfall, dass sie in Husum ein zweiwöchiges Praktikum während der Schulzeit machen konnte. Auch wenn sie zunächst noch weiter zur Schule ging und das Abitur ablegte, ließen sie die Erfahrungen aus dem Praktikum nicht mehr los, und bald stand ihr Berufswunsch „Vergolderin“ fest. „Es gibt nur eine Berufsschulklasse für diesen Beruf – und die ist in München“, erzählt sie bereitwillig. „Man teilt sich die Klasse mit den angehenden, eher im Süden Deutschlands tätigen Kirchenmalern, die ein ähnliches Berufsbild haben.“ 

Als oberste Tugend sollte man in diesem Beruf Geduld mitbringen: „Geduld mit dem Material und mit sich selbst.“ In einer Art Notizheft liegt das fein ausgewalzte, fast durchsichtige Metall: Vorsichtig klappt sie das Heft auf. Sie hebt das wie ein schimmerndes, schwebendes Gespinst wirkende Metallblättchen mit einer Art Pfannenmesser auf ihr lederbezogenes Vergolderbrett und zerteilt es in Streifen. Behutsam nimmt sie sie mit dem „Anschießer“ auf und legt sie leicht überlappend auf einen vorbereiteten Bilderrahmen aus Holz. Der Anschießer sieht aus wie ein kleiner Kamm mit langem, widerstandsfähigem und elastischem Naturhaar. Wie ein zarter Schleier schmiegt sich die Metallfolie an jede Kontur an. 

Die Aufgaben der Vergolderin reichen noch viel weiter: „Die Leisten für die rohen Rahmen werden zugeschnitten, auf Gehrung gebracht und zusammengesetzt. Bevor Gold oder ein anderes Metall aufgebracht werden kann, erfolgt eine schichtweise Vorbehandlung des Rahmens, unter anderem mit verschiedenen Kreidegründen.“ Dazu gehören Materialien mit Namen wie „Champagnerkreide“, „Bologneser Kreide“ oder „China-Clay“. Bei diesem Grundieren von Hand werden die Ecken und Schnittkanten unsichtbar gemacht. Die Fertigung eines durchschnittlich großen Rahmens kann durchaus eine Woche Zeit in Anspruch nehmen. 

Zu dem Beruf braucht es viel Fingerspitzengefühl, handwerkliches Geschick, einen Blick für Proportionen sowie ein Auge für Ästhetik, das die Wirkung und das Zusammenspiel von Formen und Farben abschätzen kann. Dazu gehört auch der tägliche Umgang mit Säge und Hammer. Passepartouts anmessen, Glas schneiden, Gipsabdrücke anfertigen, gravieren und radieren sowie die Beherrschung von Verzierungstechniken und die Hinterglasvergoldung – die Palette der Fertigkeiten ist enorm. Diese handwerkliche Tätigkeit wirkt so einfach, so sanft und schwebend, aber einfach ist es keineswegs. Blattgold ist nur etwa ein zehntausendstel Millimeter dick und besteht oft aus eingeschmolzenen Grundstoffen: „Zahngold oder Eheringe – das Material hat Geschichte und Seele und so muss man behutsam und respektvoll damit umgehen.“ Im Beruf lerne man auch Sparsamkeit, Augenmaß und den vernünftigen Umgang mit den Materialien. „Dem Ganzen wohnt ein Zauber inne“, fasst sie zusammen. 

Das Vergolderhandwerk ist uralt. Bereits zur Zeit der ägyptischen Pharaonen wurden Gegenstände vergoldet. Auch die Werkzeuge haben sich im Verlaufe vieler Jahrhunderte nicht geändert. Goldene Verzierungen sollten Reichtum und Macht demonstrieren – auch wenn es sich nur um Gips handelte, der mit einer feinen – freilich auch kostspieligen – Schicht aus Blattgold überzogen war. „Früher erschufen Vergolder Illusionen“, erzählt Bente Michaelsen-Staege, die in der Werkstatt meistens mit Orange- und Weißgold sowie mit Silber und Platin arbeitet. Sie ist nicht nur in der Werkstatt tätig; sie berät ebenfalls Kunden, setzt sich mit Künstlern auseinander und bereitet deren Ausstellungen in der Galerie vor. Für Bente Michaelsen-Staege ist der Beruf gleichzeitig Berufung: „Ich freue mich jeden Tag aufs Neue auf mein Tagewerk“, lächelt sie.

Text und Foto: Sonja Wenzel